NORDSÄCHSISCHES BESTIARIUM – Text / Article – DT

Dr. Jens Kassner - Leipziger Volkszeitung

2012

Nordsächsisches Bestiarium
Im Archiv Massiv der Spinnerei lässt Anija Seedler ihre Kreaturen von der Leine

Es muss wohl im weitläufigen Gelände der Spinnerei und den bisher noch ungenutzten alten Räumlichkeiten ebenda, oder vielleicht auch irgendwo in den Feuchtgebieten des Karl-Heine-Kanals, verborgene Biotope geben, in denen sich ungefährliche wie auch minimal bemessene Jurassic Parks erhalten haben. Vielleicht ist es aber auch die befruchtende Arbeit der Kunst selbst, die zu neuen, seltsamen Spezies geführt hat.

Ihre Exkursionsrouten wird Anija Seedler, seit 2009 selbst in einem Spinnerei- Atelier verortet, vermutlich nicht preisgeben. Jedenfalls gelingen ihr bemerkenswerte Entdeckungen. Diese präsentiert sie ziemlich sachlich, zwar nicht aufgespießt, doch isoliert ohne die Illusion eines Dioramas, welches irreale Lebenswelten vortäuschen könnte. Ihre Geschöpfe müssen ohne sonderlich viel Ambiente und Deko klarkommen. Und der Besucher mit ihnen.

Besonders beeindruckend ist das „Little red monster“. Mit dem spitzen Fortsatz des Kopfes und den runden Flecken am hinteren Schinken ähnelt es irgendwie Dürers Darstellung eines Nashorns, die mehr nach Renaissance als nach Savanne aussah. Seedlers Tierchen ist aber viel dynamischer, nicht auf pure Anschauung fixiert. Ob es lächelt oder wütend ist, sei dahingestellt.

Ganz und gar der herkömmlichen Zoologie entrückt scheint ein anderes trauriges Tier zu sein. „Post coitum omne ani- mal triste“ soll angeblich schon Aristoteles gesagt haben. Doch bei diesem Wesen auf dem Blatt weiß man ja nicht einmal, wo vorn und hinten sein soll, welcher Gattung es zuzuschreiben ist. Ob es da gerade gerumpelt hat oder nicht, muss es selbst in stillem Einvernehmen mit der Künstlerin wissen.

Auch dort, wo das höchstentwickelte Tier dargestellt ist, der überwiegend aufrecht gehende Mensch, geraten gewohnte Ikonografien aus der Ordnung. Das „Imago“, dem Leichentuch des christlichen Verkünders nachempfunden, glüht in fiebrigen Rottönen, überhaupt nicht cool. Sein Nachbar, als „Narr“ gebrandmarkt, macht mit der herausgestreckten Erd- beerzunge und den freigelegten Augäpfeln einen abgeklärteren Eindruck.

Anija Seedler, die in Schneeberg und Leipzig studiert hat, unter anderem bei Volker Pfüller und Rolf Münzner, setzt die Verfremdung gewohnter Stereotype auch in den kleinen, sparsam gezeichneten Blättern fort. Aus fragmentierten Umris- sen entstehen Figuren, die häufig mit schwarzen Flecken in eine nicht ganz eindeutige Beziehung treten. Von einem „Aberglaube“ ist die Rede, der drei Personen dicht zusammen rücken lässt. Leda erscheint offenbar mit ihrer Schwester beim asphaltenen Schwan, da kann nicht so viel passieren. Die „Ahnung“ eines weiteren Blattes ist völlig amorph. Und die „Mannschaft“ in der Nähe wird erst durch eine Gasmaske in XXL zu einer solchen zusammen geschweißt.

Die Künstlerin setzt ihre Mittel sehr rationell ein. Woraus berühmte Kollegen ein großformatiges Gemälde mit etlichen Tuben Farbe als Einsatz machen würden, reichen ihr wenige Züge mit dem Aquarellpinsel. Die Konturenführung ist sicher, wenn auch nicht sonderlich filigran. Mit solcher Zurückhaltung schafft sie es aber, wunderliche Situationen zu entwerfen, mehr Skizze als Vollendung. Selbst bei den großen Blättern, wo sie mehrere Schichten heftig übereinander häuft, bleibt die Arbeitsweise transparent.

In die letzte Ecke der Galerie hat es eine Gruppe „Ausflügler“ verschlagen. Da stehen die fünf Tagestouristen unschlüssig herum, so langsam wachsen ihnen schon Hörner. Eine Exkursion an den Stadtrand ist nicht ganz ungefährlich. Da gibt es seltsame Geschöpfe, sogar Künstler in größeren Zusammenballungen.

Dr. Jens Kassner, Dez 2012

North Saxon bestiary
In the Archiv Massiv der Spinnerei, Anija Seedler lets her creatures off the leash

There must be hidden biotopes in the extensive area of the Spinnerei and the as yet unused old rooms there, or perhaps somewhere in the wetlands of the Karl-Heine-Kanals, in which harmless and minimally sized Jurassic Parks have been preserved. Or perhaps it is the fertile work of art itself that has led to new, strange species.

Anija Seedler, who has been based in a Spinnerei studio since 2009, will probably not reveal her excursion routes. In any case, she makes remarkable discoveries. She presents them quite matter-of-factly, not skewered, but isolated without the illusion of a diorama that could simulate unreal living environments. Your creatures have to get along without a lot of ambience and decoration. And the visitor with them.

The “Little red monster” is particularly impressive. With the pointed appendage of the head and the round spots on the rear hamstring, it somehow resembles Dürer’s depiction of a rhinoceros, which looked more Renaissance than savannah. But Seedler’s little animal is much more dynamic and not focused on pure observation. Whether it’s smiling or angry is anyone’s guess.

Another sad animal appears to be completely removed from conventional zoology. “Post coitum omne animal triste” is said to have been said by Aristotle. But with this creature on the page, you don’t even know where it should be at the front and back, or to which species it belongs. Whether it just rumbled or not is something that has to be known in silent agreement with the artist.

Even where the most highly developed animal is depicted, the predominantly upright man, the usual iconography is thrown out of order. The “Imago,” modeled on the shroud of the Christian herald, glows in feverish shades of red, not cool at all. His neighbor, branded a “fool,” makes a more serene impression with his strawberry tongue sticking out and his eyeballs exposed.

Anija Seedler, who studied in Schneeberg and Leipzig, among others with Volker Pfüller and Rolf Münzner, continues the alienation of familiar stereotypes in the small, sparsely drawn sheets. Figures emerge from fragmented outlines, often with black spots in an ambiguous relationship. There is talk of a “superstition” that causes three people to move close together. Leda apparently appears with her sister at the asphalt swan, so not much can happen. The “hunch” of another leaf is completely amorphous. And the “team” nearby is only welded together into one by wearing an XXL gas mask.

The artist uses her resources very rationally. What famous colleagues would turn into a large-format painting with several tubes of paint as inserts, she only needs a few strokes of the watercolor brush. The contours are secure, even if not particularly delicate. But with such restraint she manages to create strange situations, more sketch than perfection. Even with the large sheets, where she piles several layers on top of each other, the working method remains transparent.

A group of “day trippers” ended up in the last corner of the gallery. The five day-trippers are standing around indecisive, slowly starting to grow horns. An excursion to the outskirts of the city is not entirely without risk. There are strange creatures there, even artists in large groups.

Dr. Jens Kassner, December 2012

Series:

2013

ANIMATEURE

Exhibitions:

2012

ANIMATEURE

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