QUERULATIN

Galerie Potemka | Kunstkraftwerk Leipzig

04.07.2020 –

16.08.2020

Nach der großen Ausstellung im Museum der Bildenden Künste 2019 ist das MalerInnen-Netzwerk Berlin/Leipzig + Gäste zum ersten Mal wieder in Leipzig zu sehen; erstmals mit einer inhaltlich politischen Ausstellung, die an zwei Orten, dem Kunstkraftwerk und der Galerie Potemka stattfinden wird: Im Gedenken an Elsa Asenijeff, deren Leben viele Fragen aufwirft, wird ein Bogen gespannt zur Situation der Frauen und Künstlerinnen in der Gegenwart..

Aktuell wird Klingers hundertjähriges Jubiläum mit einer großen Werkschau im MdbK in Leipzig zelebriert. Elsa Asenijeff, vor allem bekannt als Lebensabschnittsgefährtin und Muse Klingers, ist viel weniger bekannt als er. Dabei war sie zu Lebzeiten eine gefeierte Schriftstellerin. Auch rezensierte sie Skulpturen Klingers – wie den Beethoven – in Katalogen und war mit ihm auch auf intellektueller Ebene verbunden. Elsa war es wichtig, mit einem prominenten Mann der intellektuellen, künstlerischen Welt liiert zu sein; weniger wichtig war ihr die Bindung zu ihren eigenen Kindern. Sie gab ihren Sohn an ihre Mutter, die (mit Klinger gemeinsame) Tochter an eine französische Pflegemutter ab. Diese aus heutiger Sicht befremdlich anmutende Wahl, war teilweise an die Gepflogenheiten der Zeit, an die persönlichen Umstände und durchaus auch an ihre schriftstellerischen Ambitionen gekoppelt.

1916 wurde Elsa von Klinger ausgetauscht durch die blutjunge Gertrud Bock. Elsas Liebe zerbrach und auch ihre finanzielle Abhängigkeit von Klinger wurde spürbar. Er hatte ihr Leben finanziert und nun zog sie aus ihrer Wohnung im Leipziger Musikerviertel in die Obdachlosigkeit und verarmte. An Klingers Seite wurde sie als femme fatale, als extravagante Muse und Dichterin gefeiert: nun blieb ihr Werk unbeachtet und sie wurde als “Querulantin” diffamiert und als “Verrückte”; entmündigt. Ihr Ruf als Schriftstellerin wurde nachhaltig zerstört. Vor dem Rathaus Leipzigs wurde sie abgefangen und in die psychische Heilanstalt nach Leipzig-Dösen deportiert. Im Jahr 1933 kam sie schliesslich in die “Korrektionsanstalt für asoziale und arbeitsunwillige Erwachsene” in Bräunsdorf bei Freiberg. Die letzte Station ihres Lebens. Mit ihrem Ableben 1941 geriet ihr Werk in Vergessenheit. Bis heute ist sie nicht rehabilitiert. In Leipzig, in jener Stadt in der sie viele Jahre an der Seite Max Klingers wirkte, wird sie vielfach lediglich als Muse des Malers aufgeführt. Ihr Schicksal ist vergleichbar mit dem Camille Claudels und Hilda af Klints.

Die Ausstellung versucht nicht die Perspektive Asenjieffs einzunehmen, sondern darauf aufmerksam zu machen, dass etliche ihrer Lebenspunkte nicht in der Vergangenheit enden, sondern ihre Schatten bis in die heutige Zeit werfen. Allein dass die in der NS-Zeit verfolgten “Asozialen”, die mitunter in KZs verendeten, erst im Februar 2020 als Opfergruppe anerkannt wurden, belegt die Dimension der Aktualität dieser Zeitbezüge.

Auch was den Blick auf die Frau angeht, existieren unveränderte Muster: Noch immer werden Frauen, die hart verhandeln, zwar nicht mehr als “Querulantin”;, dafür aber als “hysterisch” und “aggressiv” abgestempelt und somit sind Eigenschaften, die bei Mal*nnern als Kampfgeist und Durchsetzungsvermögen gelten, bei Frauen noch immer negativ konnotiert. Ein anderes Beispiel ist, dass die Mutter, die ihre Kinder verlassen hat, per se als eine Rabenmutter betrachtet wird. Ein Vater ist hingegen in dem Fall kein Rabenvater. Seine Absenz wird in der Gesellschaft viel eher hingenommen und sogar geduldet.

Nicht zuletzt sei darauf verwiesen, dass sich Elsa trotz ihres Eifers, ihrer Umtriebigkeit und all ihrer Veröffentlichungen als Künstlerin ökonomisch nicht über Wasser halten konnte und ihr Werk nach der Trennung von Klinger kaum noch Beachtung fand. Auch hier gibt es ein Dejavu in Anbetracht der fehlenden Anerkennung, bzw. Nicht-Anerkennung weiblicher Künstler, die bereits den Druck als gegeben betrachten, mehr leisten zu müssen, besser sein zu müssen als ihre männlichen Kollegen, um einen Bruchteil der visuellen Sichtbarkeit ihrer Werke, bzw. ihrer Existenz in öffentlichen Museen und Sammlungen zu erhalten.

Künstlerinnen: Sabine Graf, Franziska Güttler, Nina K. Jurk, Tobia König, Agnes Lammert, Kathrin Landa, Corinne von Lebusa, Carina Linge, Claudia Loclair, Anija Seedler, Tanja Selzer, Alex Tennigkeit, Kathrin Thiele

Konzipiert von Claudia Loclair und Lu Potemka kuratiert von Lu Potemka

After the major exhibition at the Museum of Fine Arts in 2019, the Berlin/Leipzig painter network + guests can be seen in Leipzig again for the first time; for the first time with a political exhibition that will take place in two locations, the Kunstfabrik and the Potemka Gallery: In memory of Elsa Asenijeff, whose life raises many questions, draws attention to the situation of women and artists today.

Klinger’s centenary is currently being celebrated with a large exhibition at the MdbK in Leipzig. Elsa Asenijeff, best known as Klinger’s life companion and muse, is much less well known than him. She was a celebrated writer during her lifetime. She also reviewed Klinger’s sculptures – such as Beethoven – in catalogs and was also connected to him on an intellectual level. It was important to Elsa to be in a relationship with a prominent man in the intellectual, artistic world; The bond with her own children was less important to her. She gave her son to her mother and her daughter (shared with Klinger) to a French foster mother. This choice, which seems strange from today’s perspective, was partly linked to the customs of the time, to her personal circumstances and also to her literary ambitions.

In 1916, Elsa von Klinger was replaced by the very young Gertrud Bock. Elsa’s love fell apart and her financial dependence on Klinger also became noticeable. He had financed her life and now she moved from her apartment in Leipzig’s musicians’ quarter into homelessness and poverty. At Klinger’s side she was celebrated as a femme fatale, an extravagant muse and poet: now her work went unnoticed and she was defamed as a “troublemaker” and as a “crazy”; incapacitated. Her reputation as a writer was permanently destroyed. She was intercepted in front of Leipzig’s town hall and deported to the mental hospital in Leipzig-Dösen. In 1933 she was finally sent to the “correctional institution for antisocial adults and those unwilling to work” in Bräunsdorf near Freiberg. The last station of her life. With her death in 1941, her work was forgotten. To this day she has not been rehabilitated. In Leipzig, the city where she worked alongside Max Klinger for many years, she is often listed simply as the painter’s muse. Her fate is comparable to that of Camille Claudel and Hilda af Klint.

The exhibition does not attempt to take Asenjieff’s perspective, but rather to draw attention to the fact that many of the points in her life do not end in the past, but rather cast their shadows into the present day. The fact that the “asocials” persecuted during the Nazi era, who sometimes died in concentration camps, were only recognized as a victim group in February 2020 proves the dimension of the topicality of these temporal references.

When it comes to the view of women, there are also unchanged patterns: women who negotiate hard are no longer labeled as “troublemakers”, but are instead labeled as “hysterical” and “aggressive” and are therefore characteristics that are common in Mal For women, what is seen as a fighting spirit and assertiveness still has a negative connotation for women. Another example is that the mother who has abandoned her children is viewed as a bad mother per se. In this case, however, a father is not a bad father. His absence is much more accepted and even tolerated in society.

Last but not least, it should be noted that despite her enthusiasm, her busyness and all her publications as an artist, Elsa was not able to stay afloat economically and her work received hardly any attention after her separation from Klinger. Here, too, there is a dejavu in view of the lack of recognition or non-recognition of female artists, who already take for granted the pressure to have to do more, to be better than their male colleagues, to achieve a fraction of the visual visibility of their works , or their existence in public museums and collections.

Artists: Sabine Graf, Franziska Güttler, Nina K. Jurk, Tobia König, Agnes Lammert, Kathrin Landa, Corinne von Lebusa, Carina Linge, Claudia Loclair, Anija Seedler, Tanja Selzer, Alex Tennigkeit, Kathrin Thiele

Conceived by Claudia Loclair and Lu Potemka curated by Lu Potemka

Series:

2020

LE CIRQUE IMAGINAIRE

Literature:

2019

DIE KLUGE QUERULANTIN – Article – DT

Painting & Drawing:

2020

ZÄHMUNG

2020

ASSEMBLAGE

2020

HYBRIS

2019

TRIUMPH

2019

EVA

2019

ELSA A.

2019

DANCE MACABRE

2019

PANDORA

2013

ARABESKE

Request: QUERULATIN